Von Rübengeistern und Kürbisgespenstern

Das Netzwerk Texttreff veranstaltet auch dieses Jahr ein „Blogwichteln“: Eine Textine schreibt einen Blogbeitrag für eine andere, die wiederum schreibt für eine dritte usw. Dieses Jahr schreibt Elke H. Zobel für mich, worüber ich mich sehr freue. Sie berichtet vom Brauchtum rund ums Rüben- und Kürbisschnitzen: 

 

Von Rübengeistern und Kürbisgespenstern oder einfach: Huuhhhhh!

Wer hat’s erfunden? Nein, die Schweizer waren’s nicht, die für Halloween verantwortlich zeichnen. Die Iren? Die US-Amerikanerinnen? Oder …?

Wenn ich den Brauchkomplex betrachte und die eigenen Erinnerungen zu den Erzählungen meines Ehemannes addiere, würde ich sagen, dass auch rumänische und deutsche Wurzeln erkennbar sind.

Bei meinem Mann zum Beispiel, evangelischer Ur-Schwabe aus Württemberg, aufgewachsen auf der Schwäbischen Alb, gab es zur Rübenzeit die Rübengeister. Sie schnitzten ausgehöhlten Rüben irgendwelche Gesichter, möglichst gruselige, und „erschreckten“ damit ihre Nachbarschaft.

Bei mir, deutschsprachig-evangelischer Ethnomix aus Transsylvanien, nicht verwandt mit dem bekannten Grafen, waren es dagegen die Kürbisse. Nicht diese länglichen, die wir Speisekürbisse nannten und die wie Riesenzucchini aussehen, auch nicht die absurden Winzlinge, die sich hierzulande (Deutschland) heutzutage (im 21. Jahrhundert) die Leute als bunte Deko weiß-nicht-wohin drapieren, nein: superdicke, eiförmige grüne Monsterfrüchte. Kuerbisse

Wir schlugen ihnen die „Köpfe“ ab, um daraus Deckel zu machen, und höhlten das Fleisch aus, mit speziellen runden Messern, ähnlich wie Eislöffel, aber sehr scharf. Das Kürbisfleisch wurde gegessen, als Auflauf, als Suppe, als Gemüseeintopf oder als Beilage, sogar als Grundstoff für Marmelade konnte man es benutzen. Die Kerne puhlten wir extra heraus, die röstete mein Vater im Backofen, sodass wir im Winter Ersatzknabberzeugs hatten, wenn die selbst geernteten Walnüsse alle waren. Nicht zum Fernsehen (hatten wir nicht), sondern zu den Spieleabenden bei Kerzenschein, wenn einmal wieder der elektrische Strom ausgefallen war.

Den hohlen Kürbissen aber schnitzten wir, wie mein Mann den Rüben, gruselige Gesichter. Das Gruseligmachen fiel uns nicht schwer, denn das Schnitzen war harte Arbeit, und hässlich wurde das Machwerk von ganz allein. Zum Schluss musste ein Kerzenhalter am Kürbisgrund befestigt werden (keine Ahnung wie, war  Erwahsenensache), und in den Halter pflanzten wir eine Kerze. Wenn es dunkel wurde, zündeten wir sie an und trabten damit ums Haus oder zu den Nachbarhäusern. Wir stellten uns unter den Fenstern auf und riefen Huuhhhhh, wenn jemand gucken kam. Einmal überlegten wir sogar, ob unsere Grundschullehrerin zu den Bekannten zählte, die wir aufsuchen durften, aber ich glaube, wir haben es bleiben lassen: Zu riskant!

Süßes oder Saures dagegen verlangten wir nicht, das war dem Silvesterheischen oder dem „Colindieren“ vorbehalten. Partys veranstalteten wir auch keine. Und gespenstisches Zubehör gab es zumindest nicht gezielt; nicht über die „normalen“ Spinnweben hinaus jedenfalls, die wir uns beim Spielen auf Dachböden, in Scheunen und Ställen ohnehin in den Haaren einfingen. Ein bestimmtes Datum war ebenso wenig mit unseren Umzügen verknüpft – wir liefen halt durch die Kleinstadt, wenn unsere Eltern gerade Kürbisse geerntet hatten.

Und trotzdem: Einen Rest von unserem Kürbiskopfspiel finde ich stets an Halloween wieder, wenn eine Kinderschar in gekaufter Verkleidung an der Tür unserer Hochhauswohnung läutet. Huuuhhhhh! Na denn – was Süßes, wenn’s sein muss!

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